Tiefenau

tiefenau

Abseits von großen Straßen, am Rande des Tiefenauer Teichgebietes befindet sich eine kleine Kostbarkeit sächsischer Hofbaukunst - die Kapelle des ehemaligen Schlosses zu Tiefenau. Der inzwischen emeritierte Landeskonservator Prof. Magirius bezeichnete sie als "Perle von Tiefenau". Hier hat sich über drei Jahrhunderte ein Kleinod des italienisch-französischen Barock fast original erhalten.

1710 ließ Oberhofmarschall August Ferdinand Graf von Pflugk die Schlossanlage errichten, von der heute nur noch Überreste der Wirtschaftsgebäude, der Park mit vier Pavillons und Brunnenanlagen erhalten sind. Nach seinem Tod lässt seine Witwe, die Reichsgräfin und Oberhofmarschallin von Pflugk geb. Stubenberg, 1716 die Schlosskapelle errichten. Auch Baumeister des Dresdner Hofes sind an dem Bau beteiligt. Am Reformationsfest 1717 wird die Kapelle von dem damaligen Oberhofprediger Pipping eingeweiht.

Von der Ausstattung hervorzuheben ist der Kanzelaltar, flankiert von zwei imitierten Marmorsäulen. Die weiblichen Figuren symbolisieren Glaube (mit Kreuz) und Hoffnung (mit Anker). Sie stammen wie die Gestaltung von Stuckdecke, Altar und Säulenkapitellen aus der Schule Balthasar Permosers. Eine Besonderheit ist die dreigeteilte Patronatsloge. Sie trägt die Wappen der Familien von Pflugk und von Dölau.

1945 wurde der gesamte Besitz enteignet. Die Schlosskapelle ging zuerst an die Kirchgemeinde Nauwalde und befindet sich jetzt im Besitz der Vereinigten Kirchgemeinde Streumen.
1948 wurde das Schloss gesprengt. Erhalten sind noch die Grabstätten der Familie von Pflugk an der Südseite der Kapelle. In den folgenden Jahren war das Gebäude dem Verfall preisgegeben. Nachdem 1945 erste Sicherungsmaßnahmen an der Kapelle erfolgten, begann man 1962 mit beschränkten Mitteln mit Renovierungsarbeiten. Dies waren Arbeiten an Fassade, Dach und Fenstern.

In den Jahren 1989/90 wird auf Anregung von Professor Magirius die Erneuerung und Restaurierung in Angriff genommen. Schnitzwerk und Farbgebung sind noch original aus dem 18. Jahrhundert erhalten. Zerstörtes wurde vorsichtig ergänzt und erneuert durch das Restaurierungsatelier Taubert in Dresden.

Die Orgel stammt aus der Werkstatt Gottfried Silbermanns. Leider sind keine Schriftstücke über Auftrag, Abnahme und Weihe erhalten. Doch 1730 ist das Instrument in folgendem Gedicht erwähnt: "Was Du in Reichenbach und Rochlitz hast erwiesen/ in Püchau, Tieffenau, Lobus und Öderan und wie auch Deine Kunst in Glauchau wird gepriesen/ das zeigt Dein schönes Werk, Geschickter Silbermann! " Bemerkenswert ist die Anordnung der Orgel in der Ecke der Empore links neben dem Altar. Um die Symmetrie zu wahren wurde gegenüber ein zweiter "stummer" Prospekt aufgestellt, genauso mit wertvollen Zinnpfeifen ausgestattet wie der "richtige". Diese Anordnung ist zumindest im deutschsprachigen Raum einmalig. Die Orgel in Tiefenau ist ein Positiv, d.h. sie besitzt kein Pedal. Trotzdem kann sie einen erstaunlich vollen Klang erzeugen. Das bewirkt die vielfältige Registerauswahl Silbermanns. Die 9 Register beinhalten sozusagen von jeder Klangfarbe etwas. 1945 wurde die Orgel verwüstet und ausgeplündert. In den Jahren 1996/97 wurde die Orgel von der Dresdner Orgelbauwerkstatt Kristian Wegscheider anhand einiger geretteter Pfeifen rekonstruiert und restauriert. Heute erklingt sie wieder in Gottesdiensten und bei Konzerten während der Sommermonate.
Die Restaurierungsarbeiten an Bauwerk und Orgel konnten dank der großzügigen Unterstützung der Hildegard-Seyffert-Stiftung verwirklicht werden. Sie ist die erste private Stiftung in der Deutschen Stiftung für Denkmalpflege, die in Sachsen wirksam wurde.
Gern vermitteln wir Führungen und Konzertbesuche in der Schlosskapelle Tiefenau. Die Vereinigte Kirchgemeinde ist über das Pfarramt in Streumen zu erreichen.



                                                  Silbermann-Orgel in der Schloßkapelle in Tiefenau