„Hier stehe ich“

Von Christoph Gutsche

Ein Mönch geht durch die Straßen Wittenbergs. Er hat Papierrollen unter dem Arm und einen Hammer in der Hand. Sein Ziel ist die große Holztür der Schlosskirche. Das ist keine gewöhnliche Tür. Sie ist das Schwarze Brett der Stadt. Hier kann man wichtige Informationen und Bekanntmachungen lesen. Vor allem aus der Universität. Dieser Mönch ist dort Professor. Er breitet die Papierrollen an der Tür aus und nagelt sie fest. Sie sind von oben bis unten beschrieben. Kein Platz mehr für andere Mitteilungen. Nur diese lange Liste mit insgesamt 95 Sätzen steht an der Tür.
So könnte es gewesen sein am 31. Oktober 1517. Diese Thesen waren der öffentliche Auftakt für das, was später als die Reformation bekannt wurde und das Glaubensleben in Deutschland und Europa kräftig in Wallung brachte.
Luther schrieb diese Thesen, weil er sich dagegen wehrte, dass die Menschen für dumm verkauft werden - im wahrsten Sinn des Wortes. Denn ihnen wurde gepredigt, dass sie durch den Kauf von Ablassbriefen ihre Höllenstrafen verkürzen und ihre Seelen retten können. Und nicht nur für sich, sondern auch für Verwandte und auch schon Gestorbene. Viele gaben ihr letztes Geld oder verschuldeten sich für den Kauf  dieser Briefe. Für die Menschen war die Hölle etwas, das es wirklich gibt. Deshalb war die Angst davor riesig.
Luther kannte die Angst auch. Er verzweifelte fast an Gott, weil er ihn so unerbittlich fand, oft dunkel und unverständig. Immer wieder grübelte er nächtelang über ihn, las in der Bibel und schrie heraus, was ihm schwerfiel zu glauben. Er hatte ja Gott sein Leben geweiht und wollte, dass Gott auf seiner Seite ist.
Und dann wurde ihm klar: Gott ist auf meiner Seite - schon längst. Er liebt mich, und nur deshalb lebe ich. Diese Liebe, diese Nähe Gottes zu den Menschen, die er in der Bibel fand, nannte Luther Gnade. Nur aus dieser Gnade Gottes lebt der Mensch und ist schon längst gerettet. Man kann sich Gottes Gnade nicht kaufen. Sie ist schon da. Man muss sich ihr nur zuwenden, sie für sich annehmen und zur Grundlage des eigenen Lebens machen. Und das wurde für Luther zum Leitgedanken seines Lebens. 
„Hier stehe ich“ – ist der Titel einer Plakatausstellung im Gemeindezentrum in Coswig. Auf 30 großformatigen Plakaten wird der Weg Martin Luthers und der Reformation auf moderne anschauliche Art dargestellt. Entstanden ist das Ausstellungskonzept in den USA. Man kann viel über die Auswirkungen der Reformation bis in unsere Tage erfahren, über den Einfluss Luthers auf unsere heutige Sprache, über das Entstehen von Kirchenliedern und ihre Verbreitung, über Politik, aber auch über Wissenschaft und Technik an diesem spannenden Punkt der Zeitgeschichte. Und natürlich auch über den Auftritt Luthers vor dem Kaiser, vor dem er gesagt haben soll: „Hier stehe ich – ich kann nicht anders“. Die Ausstellung kann bis zum 17. November besichtigt werden, nach vorheriger Anmeldung im Ev.-Luth. Pfarramt Coswig, Tel: 03523-75894.


Christoph Gutsche ist Pfarrer in Coswig