Dem Glücklichen schlägt keine Stunde

Von Pfarrer Dietmar Saft

Seit einiger Zeit läutet es wieder zur rechten Tageszeit in Lommatzsch. Und zudem schlägt den Lommatzschern die Turmuhr wieder die Viertel-, die Halbe-, die Dreiviertel- und die ganze Stunde sowie die Stundenzahl. So hatten es die Altvorderen einmal gedacht und so war das Uhrwerk 1896 vom damaligen Großuhrenmacher Bassler aus Lommatzsch gebaut und geliefert worden. Nach etwa 3 Monaten Aufbau und den notwendigen Einstellarbeiten lief die Uhr seitdem gleichmäßig und steuerte Schlagwerk und Tagesgeläut. Gut 120 Jahre versah das Uhrwerk – täglich aufgezogen, regelmäßig gewartet und geölt – seine Dienste. Das Schlagwerk allerdings war bereits vor Jahrzehnten, vermutlich beim Ausbau der Bronzeglocken für Rüstungszwecke, grob in Mitleidenschaft gezogen worden. So war es über lange Zeit nicht mehr aktiv. Erst durch die notwendige Generalrestaurierung des Uhrwerkes im Juni/Juli dieses Jahres ist das ursprüngliche Schlagwerk wieder aktiviert worden. Gut, das ein Teil des historischen Schlagwerks noch vorhanden war. Aber bis es soweit war, musste das gesamte Uhrwerk aus dem Kirchturm ausgebaut und in die Werkstatt der Firma Uhrentechnik Andreas Vogler nach Dresden gebracht werden. Erst nach grundlegender Restaurierung wurde das Uhrwerk wieder eingebaut und aktiviert. Für Außenstehende waren diese Arbeiten nur indirekt zu registrieren, da die Turmuhr an der Wenzelskirche stillstand und das gewohnte Tagesgeläut schwieg. Nach vielfältiger besorgter Nachfrage im Ort läuft inzwischen das Uhrwerk konstant, das gewohnte Tagesgeläut erklingt und das aktivierte Schlagwerk weist der Kleinstadt Lommatzsch die Stunde. Groß ist die Freude vieler Lommatzscher darüber. Viele freuen sich, dass das historische Uhrwerk „made in Lommatzsch“ erhalten werden konnte und das dazugehörige Schlagwerk wieder erklingt. Und der Kirchenvorstand ist sehr dankbar, dass die Maßnahme durch Einzelspenden, Haushaltsmittel der Kirchgemeinde sowie eine großzügige Förderung der Landeskirche mitfinanziert wurde. Herzlichen Dank dafür. Alle könnten sich freuen … Doch immer wieder einmal wird jemand von den Mitarbeitern der Kirchgemeinde angesprochen: Da wird von einigen Wenigen beklagt, dass ihnen das Schlagwerk bisher unbekannt sei, dass es sie störe, dass es unnötig laut wäre und so weiter… Schade, wenn das Engagement für den Ort Lommatzsch und der Erhalt der historischen Lommatzscher Handwerker- und Ingenieursleistungen nicht allseits geschätzt werden. Schade, dass die Freude der Vielen durch die Kritik der Wenigen geschmälert wird. Schade, denn es tut sich vieles im Ortskern von Lommatzsch. Bei aller Bautätigkeit um Markt und Kirchplatz herum und den damit verbundenen zwischenzeitigen Belastungen freue ich persönlich mich mit vielen Lommatzschern darüber, was wird und darüber, was andere zum Guten verantworten, planen und umsetzen. Vielleicht gehöre ich deshalb zu den sprichwörtlich „Glücklichen“, weil ich weiß, dass viele verantwortungsvoll unsere Kleinstadt Lommatzsch mitgestalten. Obwohl ich als Pfarrer im Pfarrhaus direkt gegenüber der Wenzelskirche im Stadtzentrum von Lommatzsch wohne, freue ich mich über Turmuhr, Schlagwerk und Tagesgeläut „made in Lommatzsch“ und, wenn es soweit ist, finde ich meinen Schlaf und genieße die Ruhe der Nacht. Auch allen anderen Anwohnern in Kirchennähe wünsche ich, dass der Stundenschlag sie bald nicht mehr aus dem Schlaf, sondern in den Schlaf bringt. Ich bin dankbar für Vieles, was geworden ist und noch werden wird.  Vielleicht gehöre ich deshalb zu den „Glücklichen, denen keine Stunde schlägt“.

Dietmar Saft ist Pfarrer in Lommatzsch