Der Turm zum Anfassen


Von Matthias Quentin

Seit Wochen schon fehlt etwas. Etwas Wesentliches, meinen sogar viele. Dem Brockwitzer Kirchturm sind die Stimme und die Spitze abhandengekommen. ‚Endlich mal Ruhe‘, mögen die einen denken. ‚Aber eine eigenartige Ruhe ist das schon!‘, sagen andere. Und wer von weitem sich dem Ort nähert, hat Probleme, den markanten Kirchturm in der Mitte des Ortes zu entdecken. Der prägt mit seinem Renaissance-Giebel seit dem 16. Jahrhundert das Ortsbild. Seit 1737 mit dem kleinen Dachreiter, der nun erst mal zur Aufarbeitung am Turmfuß steht und darauf wartet, wieder neu eingekleidet  und emporgehoben zu werden.
Die Kirchtürme sind gemeinsam mit anderen hohen Gebäuden, Schornsteinen oder freistehenden Türmen wichtige topografische Elemente unserer Welt. Mit ihrer Hilfe können wir uns zurechtfinden, uns einordnen in der Weite und Tiefe der Landschaft, Richtung und Ziele finden, uns orientieren.
Seit dem 6. Jahrhundert n.Chr. sind Kirchtürme in Europa bekannt, als freistehende Türme zuerst. Bis dahin wurden Kirchen meist als einfache Gebäude ohne besondere Erhebung gebaut. In den antiken Tempeln schon begegnet uns diese Form. Als Signaltürme kommen sie dann in Gebrauch, um die Glocken der christlichen Gemeinschaften weithin erschallen zu lassen, oder auch den Ruf des Muezzins in der muslimischen Tradition.
Erst seit dem 11. Jahrhundert sind Kirchtürme nicht nur Zweckbauten, sondern ein wesentliches Element kirchlicher Baukunst. Weithin sichtbar und prachtvoll gestaltet erzählen die Kirchtürme vom Selbstverständnis ihrer Erbauer. Und sie sind gleichzeitig Aussichtspunkte, die der Sicherheit der Bewohner eines Ortes dienen. Bis heute gibt es sie, die Türmer Wohnungen alter großer Kirchen. Sie dienten zur Feuerwache und zur Ankündigung eventuell drohender Feinde.
Ab dem 12. Jahrhundert werden die Türme meist als Westtürme gebaut, gegenüber der Altarseite, die seit alters her nach Osten gerichtet ist, der aufgehenden Sonne entgegen. So ist dies auch hier in Brockwitz angeordnet.
Seit Wochen schon fehlt etwas, hier. Die Orientierungsmöglichkeit, die uns quasi blind erzählt, was die Uhr geschlagen hat, die uns die Mitte der Tageszeit meldet, wie auch den wohlverdienten Feierabend, verbunden mit dem Dank- oder Stoßgebet für die Zeit und unsere Möglichkeiten, sie zu gestalten. Ob diese Erfahrung darauf hinweist, dass uns auch im übertragenen Sinn die Orientierung verloren geht, wenn wir den Kirchturm nicht mehr sehen? Dann hätte die Turmsanierung mehr erreicht, als geplant war!

Matthias Quentin ist Pfarrer in der Kirchgemeinde Brockwitz