Muscheln weisen den Weg

Von Christel Bakker-Bents

Ich gehe gerne am Meer spazieren – am liebsten an der Nordsee, denn dort bin ich aufgewachsen. Der Wind, der mir um die Nase weht, das Rauschen des Meeres und das Salz auf den Lippen gehören natürlich dazu. Meistens habe ich eine Tüte dabei, wenn ich an der Nordsee spazieren gehe, denn ich bin immer wieder fasziniert von den Muscheln, von denen ich gar nicht genug aufsammeln kann. Unterschiedlich sind sie in Form, Farbe und Größe. Manche haben Löcher, Risse, Beschädigungen oder Kerben. Eigentlich sind sie ja die harte Schale, die einen weichen Kern geschützt hat. Jede einzelne Muschel ist anders, ganz eigen. Ich muss dann an den 104. Psalm denken, in dem es heißt: „Gott, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle geordnet und die Erde ist voll deiner Güter. Da ist das Meer, das so groß und weit ist, da wimmelt´s ohne Zahl, große und kleine Tiere.“ Manchmal, wenn ich mich mit Gefangenen auf den Pilgerweg begebe, verteile ich vorher Muscheln für den Weg. Wir betrachten sie dann, bevor wir losgehen und ich gebe den Männern mit auf den Weg, doch über ihren eigenen Lebensweg nachzudenken, den eigenen Rissen, Beschädigungen und Kerben nachzuspüren. Die Fragen beschäftigen sie auf dem Weg: Bedeutet es mir etwas, eine harte Schale zu haben? Habe ich erfahren können, dass durch Verletzungen, Störungen, sich Wertvolles entwickeln kann – so, wie bei der Muschel sich durch das Eindringen eines Sandkorns eine wertvolle Perle bilden kann?

Der Muschel folgen wir dann, so, wie es viele Pilgerinnen und Pilger tun, die dem ökumenischen Pilgerweg folgen. Die Jakobsmuschel ist das Symbol, das auf den Wegweisern zu sehen ist und weist den Weg in die Herbergen. Bis zum 13. Jahrhundert hinein war die Jakobsmuschel, die die Pilger beim Erreichen von St. Jago de Compostela erhielten, der Beweis dafür, dass sie gepilgert waren. Heute ist die Jakobsmuschel als Wegbegleiter auf dem Pilgerweg und an den Rucksäcken und Wanderstäben zu sehen. Zurück geht dieses Symbol auf eine Legende. Als der Leichnam des heiligen Jakobus auf einem Schiff nach Spanien überführt wurde, ritt ein junger Ritter dem Schiff entgegen. Das Pferd scheute bei dem Anblick des heiligen Leichnams und der Ritter versank im Meer. Jakobus soll den Mann gerettet haben. Als er wieder auftauchte, war er über und über mit einer bestimmten Muschelsorte übersät. Auf diese Legende geht das Schutzsymbol und das Erkennungszeichen der Pilgerinnen und Pilger zurück – die Jakobsmuschel. Muscheln – sie sind also nicht nur an der Nordsee zu finden, sondern auch auf den Wegweisern des Ökumenischen Pilgerweges in Sachsen und an den Outfits der Pilgerinnen und Pilger. In der JVA Zeithain haben jetzt Gefangene Seifen in Muschelform hergestellt. Sie können sie in der „Pilgeroase JVA Zeithain“ bekommen. Darüber hinaus öffnet immer am letzten Freitag im Monat der Hofladen direkt am Offenen Vollzug zum Verkauf von Produkten aus der Arbeits- und  Gartentherapie. Natürlich ist auch dann unsere Muschelseife zu haben, die die Seelsorge und die Gartentherapie gemeinsam mit Gefangenen produziert hat. Wer möchte, kann dann dafür eine Spende für die evangelische Seelsorge hinterlassen.

Evangelische Seelsorgerin in der JVA Zeithain