Aus welchem Grunde sind Sie hier?

Von Christian Bernhradt

Aus dem Tännicht-Grund. So einfach ist das.
Aber damit ist längst nicht alles gesagt. Der Tännicht ist eines der linkselbischen
Täler, die zwischen Briesnitz und Meißen den Elbhang zig Male zerschneiden. Er
tut das zwischen Oberwartha und Weistropp. Und Insider sagen, der Tännicht sei
das schönste unter den linkselbischen Tälern. Denn der Tännichtgrund ist schmal
und tief, und dementsprechend gurgelt das Wasser des Baches wild um Felsen und
durch Engstellen. Und voller Geschichte, wahrer Geschichte und Legenden, steckt
der Tännicht. Allerdings wird deren Zeugen nur der aufmerksame Wanderer
entdecken.
Da erhebt sich bald nach dem Eingang in den Grund auf der Weistropper Seite die
Teufelskanzel. Der Legende nach soll ein gewitzter Weistopper Bauer den Teufel
ausgetrickst haben, worauf hin dieser vor Wut einen Palastbau zerstört hat – die
steinernen Überreste sind seit dem als Felsenensemble „Teufelskanzel“ zu sehen.
Viel weiter oben im Tännichtgrund stand einstmals die Tännicht-Mühle. Zu ihrem
Bau kam es Anfang des 17. Jahrhunderts, weil der Weistropper Schlossherr dem
damaligen Pfarrer zeigen wollte, wer im Dorf die dickere Hose hat. Darum ließ er
nicht die eigenen, sondern Bäume der Kirchgemeinde fällen um daraus die Mühle
bauen. Allerdings zog der Schlossherr in diesem Streit später doch den Kürzeren.
Die Mühle selbst hat sich nie richtig rentiert und wurde 1872 von ihrem Besitzer
warm abgerissen. Aber das ist eine andere Geschichte. Die letzten Grundmauern
der Mühle hat das Hochwasser vom 27. Mai 2014 bis auf kleinste Reste mit sich
genommen. So wie das Wasser überhaupt den gesamten Tännicht in eine Wüste
verwandelt hat. Aber auch das ist eine andere Geschichte.
Noch ein Stück weiter oben im Tännicht, kaum zu finden, kreuzt der „Bierweg“, auf
dem einst das freundliche Blonde vom Kloster Oberwartha zu den durstigen
Weistroppern transportiert wurde. An manchen Stellen ist er als Hohlweg bis zu
drei Meter Tief in das Gelände eingegraben.
Und noch ein Stück weiter in Richtung Oberwartha sind die „Fünf Brüder“. Der
Legende nach stecken in den fünf Edelkastanien verwandelte junge Männer. Aber
auch das ist eine andere Geschichte.
Bei den „Fünf Brüdern“ ist ein Steinbruch – und auch der hat eine lange Historie,
die wieder in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts führt. In den letzten Jahren des
30-jährigen Krieges ging es in unserer Gegend so gefährlich zu, dass sich niemand
traute, in der Kirche Gottesdienst zu feiern. Aber als dann 1645 in
Kötzschenbroda die Friedensverhandlungen begonnen wurden, waren die
Einwohner Weistropps und der umliegenden Dörfer darüber so glücklich, dass sie
unbedingt einen Gottesdienst feiern wollten um Gott dafür zu danken, dass der
Frieden in greifbare Nähe gerückt war. Da ist der Weistropper Pfarrer Magnifizenz
Thobias Emme (eben jener mit der Tännicht-Mühle) auf den Gedanken gekommen,
dass man außerhalb des Dorfes, im Schutz des dunklen Tännicht und umgeben von
den Wänden des Steinbruches es wagen könnte, einen Gottesdienst zu feiern. So
geschah es. Die Weistropper mit dazugehörigen Dörfern (damals auch Oberwartha)
feierten und beteten dort um die Vollendung des Friedens. Und am 27. August 1645
kam es zu dem ersehnten Waffenstillstand zwischen Sachsen und Schweden.
Und heute? Zwar braucht heute keiner mehr Angst zu haben, um sich zum
Gottesdienst in die Kirche zu trauen (höchstens ein bisschen ;-) – aber den
Gottesdienst im Steinbruch an den „Fünf Brüdern“, den gibt es wieder. Genau nach
350 Jahren wurde an diesen Friedensgottesdienst von 1645 angeknüpft. Und
seither feiern zu Himmelfahrt die Kirchgemeinden Weistropp-Constappel und
Unkersdorf gemeinsam mit Cossebaude bzw. jetzt dem Kirchspiel Dresden-West,
manchmal mit beinahe 300 Besuchern einen Gottesdienst. Auch dieses Jahr am
25. Mai um 10.00 Uhr.
Aus welchem Grunde? Zu Himmelfahrt. Aus Dankbarkeit für den Frieden. Und aus
Freude an der Schönheit der Natur. Im Tännicht-Grund.

Christian Bernhardt ist Pfarrer in der Kirchgemeinde Weistropp-Constappel