Gottesdienstbesuch


Von Gerold Heinke
In einer der Kirchen, für die ich verantwortlich bin, fiel in den letzten Monaten mehrmals der Gottesdienst aus. Nicht, weil ich krank gewesen wäre, oder die Mitarbeiter ihre Pflichten versäumt hätten und oder nicht dagewesen wären, sondern weil keine Gemeindeglieder kamen. Kantorin, Küsterdienst durch einen Kirchvorsteher und Pfarrer waren anwesend, aber keine Gemeindeglieder. Wir haben zu dritt eine Andacht gefeiert. Stellvertretend für die, die nicht gekommen sind.
Auf der anderen Seite sind wir in den Gemeinden mit der Strukturanpassung zum Jahr 2019, spätestens 2020 beschäftigt. Wegen der geringer werdenden Gemeinde-gliederzahlen werden auch die Zahlen der Mitarbeiter reduziert. Darüber gibt es in vielen unserer Gemeinden einen Aufschrei des Protestes. Aber wie soll man die Erhaltung einer Pfarrstelle begründen, wenn niemand zum Gottesdienst kommt?
Nun kann man viele Gründe suchen, warum man nicht zum Gottesdienst geht: der Pfarrer predigt schlecht, die Lieder sind zu alt, die Liturgie ist nicht mehr zeitgemäß, da gehen nur alte Leute hin, es ist kalt in der Kirche. Die Reihe ließe sich unendlich fortsetzen. Doch eines ist allen gemeinsam: es sind Ausreden.
Tatsache ist, dass der Glauben keine Bedeutung mehr für viele Menschen, ja die Mehrheit in unserem Land hat. Aber warum eigentlich?
Es wird so viel geklagt über Vereinsamung, Zerfall der Familien, Verlust der Werte, Islamisierung des Abendlandes. Dabei kann man jede Woche einmal einen Gemeindekreis der Kirchgemeinde besuchen, kann zu Gottesdiensten gehen, kann mit Gleichgesinnten über Fragen von Tod und Leben sprechen.
Das Programm oder die Mitarbeiter der Kirche zu kritisieren geht aus meiner Sicht von einem verdrehten Verständnis von Kirche aus:  Kirche ist nicht ein Dienstleister an den Schaltstellen des Lebens, sondern Kirche ist die Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus glauben. Kirche muss nicht ein gutes Programm bieten, das dann von den Gemeindegliedern beurteilt wird, sondern Kirche ist, so wie ich meine Bibel verstehe, eine Gemeinschaft, in der alle zusammenwirken und Gemeinschaft leben und erfahren. So ist es von Jesus Christus gewollt. Wir brauchen eine Veränderung im Verständnis von unserer Kirche.
Wenn wir begriffen haben, dass der Glaube an Jesus Christus leben ermöglicht und Gemeinschaft  stiftet, dann brauchen wir keine Strukturanpassung. Dann brauchen wir uns auch nicht mehr beschweren, dass der Pfarrer nicht zum Geburtstag gekommen ist, sondern „nur“ ein Mitglied des Besuchsdienstkreises, denn dann haben wir verstanden, dass in einer Gemeinschaft jeder notwendig ist und gebraucht wird. Ob als Prediger oder als einer der andere Gemeindeglieder besucht. Die Frage bleibt: Wie wichtig ist einem jeden von uns der Glaube an Jesus Christus.
Gerold Heinke ist Pfarrer in der Trinitatiskirchgemeinde Meißen