Osterwanderer oder Angsthasen

Von Pfarrer Bernd Oehler
Osterwanderungen sind schön. Viele waren in den vergangenen Tagen unterwegs - anders als angekündigt, hatte das Wetter dazu Gelegenheit gegeben. Auch wir waren als Familie aus verschiedenen Himmelsrichtungen zusammengekommen und haben die kräftigen Farben der Frühjahrsblüte beidseits der Elbe miteinander genossen. Diesem Brauch liegt eine tiefe Symbolik zugrunde: Sich aufzumachen, weil das Leben ruft.  Und den Abschieden etwas entgegenzusetzen. Der christliche Kern des Osterfestes ist die Erfahrung der Auferstehung. Die mutigen Frauen aus der Umgebung  Jesu wollen zu seinem Grab, um sich das Unvorstellbare zu vergegenwärtigen. Der Lehrer, der Menschen heilsam berührt hat, der sie alle in sein Vertrauen auf den ewigen Vater hineingenommen hat, ist am Kreuz gestorben. Das ist nicht zu fassen.  Die Jünger verstecken sich aus Angst. Die Frauen wollen wenigstens seinem Leichnam etwas mitgeben. Aber da schlägt etwas um: Mitten in der Trauer spricht ihnen der Engel gegen ihre Angst: Jesus ist nicht bei den Toten zu finden. Die Frauen hören die Botschaft von der Auferstehung, sollen sich das Grab, den Ort besehen, wo das Leben über den Tod triumphiert hat. Und sie werden an die Orte gewiesen, wo Jesus mit ihnen vor dem Tod am Kreuz unterwegs war, in Galiläa, um den See Genezareth. Das Wunder ist: Die Frauen machen sich auf den Weg.   Erschrocken und voll Freude laufen die Frauen los, um das den Jüngern weiterzusagen. Mitten in dieser Bewegung treffen sie auf Jesus. Er ist schon da. Er wiederholt, was der Engel sagt: Habt keine Angst. Und er lädt ein nach Galiläa, zu den Spuren seines Wirkens. Kann ich mich darauf einlassen, wenn meine Seele vor Angst gelähmt ist? Werde ich nicht ins Bodenlose fallen, wenn ich meine Seele öffne?  Die Osterwanderung ist ein Wagnis. Wenn wir einem der führenden den Soziologen unseres Landes zuhören, dann regiert in unserem Land die Angst.  Wir leben auf einem sehr hohen Niveau – und haben Angst, nun absteigen zu müssen.  Wir sind gesamtgesellschaftlich reich, wie wir das in der Geschichte noch nie waren – aber wir haben Angst, unseren Reichtum zu teilen. Wir vernutzen täglich die Naturressourcen der ganzen Welt – und stellen uns ängstlich, wenn deren Eigentümer zu uns kommen und um Asyl bitten. Wir sind gut versorgt, aber wir haben Angst, krank zu werden.  Wir sind mit der ganzen Welt vernetzt , tauchen ab in künstliche Welten – aber wir haben Angst, jemandem auf der Straße zu begegnen. Selbst die Sicherheit, die eine Familie leisten kann, wird zunehmend brüchig. Die ganz normalen Beziehungen  bergen in sich den Absturz.  Und die Fähigkeit, im harten Wind des Alltags wirtschaftlich zu bestehen, wird zunehmen schwierig.  „Gesellschaft der Angst“ nennt das Heinz Bude. Wir sind gefährdet, wie das Kaninchen erstarrt auf die Schlange zu schauen.   Wenn wir freilich die Osterwanderung ernstnehmen, können wir gegen die Herrschaft der Angst dem  Geheimnis des Lebens entgegen gehen. Die Frauen aus der biblischen Ostererzählung machen sich auf den Weg. Sie haben kein Versicherungszertifikat, keine Wohlstandsgarantie  und keine Stimmungsaufheller dabei.  So, mitten in Furcht und Hoffnung  begegnen sie der Wirklichkeit der Auferstehung: Jesus spricht sie an „Habt keine Angst“.   Die Aufforderung hilft Leben. Es ist viel Vergangenheit, die sich in uns angesammelt hat.  Es gibt viel Abschied unter uns. Auch als kleiner werdende Kirchen können wir  in Zukunft  nicht mehr alle  Angebote kirchlicher Versorgung gewährleisten.  Aber wir konnten zum Osterfest viele Taufen feiern: Neubeginn unter dem Segen Gottes. Die Osterwanderung macht deutlich: Kirche ist kein Versorgungsinstitut, sondern im Kern eine Gemeinschaft der Osterwanderer, die dankbar das Geschaffene feiern und den Aufgaben ihrer Zeit aus der Kraft ihres Glaubens heraus begegnen.  Das lernt man nur beim Losgehen.

Bernd Oehler ist Pfarrer in der Kirchgemeinde St. Afra Meißen