Kein Tod kann uns mehr töten

Pfarrer Steffen Brock
Wenn ich aus meinem Küchenfenster schaue, sehe ich unmittelbar auf den Friedhof vor unserer Kirche. Die schön geschmückten Gräber strahlen Ruhe aus und Frieden. Oft kann ich sehen, wie die Angehörigen von Verstorbenen an eines der Gräber treten, kurz innehalten, des Verstorbenen gedenken und dann das Grab gießen und wieder schön herrichten. Oft sehe ich die Angehörigen auch miteinander reden: Erinnerungen werden ausgetauscht, die man mit dem jeweiligen Verstorbenen hatte, oder das Gespräch geht auf das unmittelbare Leben jetzt über. Hin und wieder aber bleibt ein Trauernder auch etwas länger am Grab stehen. Man ahnt die Bewegungen der Lippen, der Gedanken und des Herzens. Mir wird klar: Wenn wir in dieser Weise an die Gräber treten, stellen wir uns unsere Verstorbenen vor. Wir erzählen vielleicht von unserem Alltag, von vertrauten Personen, wir stellen den Verstorbenen Fragen, wir reden mit ihnen, als wären sie noch lebendig. Unsere Liebe hält uns unsere Angehörigen lebendig, obwohl sie schon verstorben sind. Und dann fällt mir weiter auf: Eigentlich können wir Menschen uns den Tod gar nicht vorstellen. Selbst wenn wir von der ewigen Ruhe reden, stellen wir uns diese vor wie einen Schlaf – aber immer gehen wir letztlich vom Leben aus. Die Sehnsucht nach Leben und nach Bleiben ist in uns eigentlich immer lebendig. Die Hoffnung auf ein ewiges Leben wohnt selbst dann noch in uns, wenn unsere Gedanken und unsere Worte anderes behaupten.

Totensonntag. Die Gedanken an die Verstorbenen sind uns an diesem Wochenende besonders nah. Vielleicht gehen wir zu ihren Gräbern, zünden ein Licht für sie an und setzen damit wiederum ein Zeichen des Lebens gegen den Tod. Bei allem Totengedenken ist unser innerstes Streben dennoch dem Leben zugewandt. In unseren christlichen Kirchen hat der Totensonntag daher eine Umdeutung erfahren. Wir sprechen bewusst vom Ewigkeitssonntag, denn Christen sind „Protestleute gegen den Tod“ – wie Christoph Blumhardt einst formulierte. Protest – das heißt nicht zuerst: wir sperren uns dagegen und stellen uns dagegen. Solch ein Protest wäre nüchtern betrachtet aussichtslos. Protest in seinem ursprünglichen Sinne heißt vielmehr: Wir zeugen für etwas, bezeugen etwas und stehen dafür ein. Christen bezeugen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Das letzte Wort hat der lebendige Gott. Gott ist für uns Ursprung und Fülle des Lebens, von dem wir Menschen so sehr geliebt werden, dass er uns unbedingt bei sich im Leben haben will. Der resignativen Stimme, dass letztlich alles verloren und sinnlos sei und wir Menschen nur ein beschränktes Dasein auf dieser vergänglichen Welt fristen, wird eine Hoffnung auf neues Leben in der Gegenwart Gottes entgegengesetzt. Das schließt nicht aus, was wir wissen: Der menschliche Leib ist an diese Erde gebunden und verfällt zu Asche, Erde oder Staub. Doch nach unserer christlichen Hoffnung darf das eigentliche „Ich” des Menschen, das Wesen des Menschen, eine Wandlung erfahren, die ihn zu einem neuen Dasein befähigt. Ewigkeit - das ist ein Wort für unendliche Weite, für nie versiegende Güte, für Freude und Leichtigkeit. Ewigkeit - das meint ein Dasein jenseits von Hass, Neid und Leid. Ewigkeit - das steht für ein Leben im Friedensreich Gottes, das kein Ende kennt. Darauf freue ich mich, wenn der Tod endgültig hinter mir liegt.

Steffen Brock ist Pfarrer im Kirchspiel Bärnsdorf-Naunhof