Die geben mir ja nichts

Von Johann Stein

Ein Besuch im Krankenzimmer. Zwei ältere Damen, die in ihren Betten liegen. Eine der Patientinnen habe ich bereits einmal besucht, jetzt ist sie erneut im Krankenhaus. Sie atmet schwer, ein Schlauch sorgt für die Sauerstoffzufuhr über die Nase. Durch die schwere Atmung ist ihr Sprechen beeinträchtigt. Sie erzählt von der fortgeschrittenen Atemnot, von der Anstrengung, die jede Bewegung, das Aufstehen und erst recht das Laufen macht. Und dass es nicht besser wird, eher schlechter, das nimmt sie wahr. „Ich weiß gar nicht, wie das weitergehen soll. Irgendwann muss ich das Krankenhaus verlassen und dann? Zuhause bin ich allein, der Pflegedienst kommt zwar zweimal am Tag, aber die übrige Zeit bin ich allein.“  Tränen laufen über das Gesicht. „Vor 3 Wochen konnte ich noch Frühstück und Abendessen selber organisieren, konnte mich in der Wohnung bewegen und einiges im Haushalt machen. Aber jetzt?“  Sie schweigt. Die Tränen laufen weiter.

Die Bettnachbarin wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie schaut mich an und erzählt, dass es ihr genauso geht. Zuhause allein, das Alltägliche braucht mehr und mehr Kraft, und die Möglichkeit, dass sich die Erkrankung überwinden lässt, sie schwindet immer mehr. „Ich möchte nicht mehr, aber die geben mir ja nichts.“

Wir schweigen.

In dieser Woche ist es das dritte Gespräch, das derart die Unzufriedenheit, die Machtlosigkeit, das Ausgeliefertsein zum Ausdruck bringt. Das Älterwerden, die beeinträchtigende Erkrankung, die nachlassenden Kräfte, das Alleinsein.

Ja, das ist keine einfache Situation. Wenn eigene Lebensgestaltung immer weniger möglich ist, wenn ganz banale Alltagssituationen zu unüberwindbaren Hürden werden, wenn das Älterwerden ganz deutlich die Handlungsmöglichkeiten einschränkt, dann macht sich Enttäuschung breit, Trauer über die verlorene Selbständigkeit stellt sich ein. Es verunsichert zunehmend. Und dann ist es nicht weit zu dem Gedanken, etwas gereicht oder gespritzt zu bekommen, das die Situation auflöst.

Selbstbestimmtes Sterben.  Unter diesem Stichwort ist das Thema in den vergangenen drei Jahren diskutiert worden, und es ist deutlich geworden, dass es keine einfachen Antworten gibt. Jede Situation ist anders, jede Situation ist ernst, jede Einsamkeit wird einsam empfunden. Und erduldet.

Nach dem Schweigen: „Die Tochter kommt ganz regelmäßig, aber die hat ja auch ihre eigene Familie, die kann sich nicht ständig um mich kümmern. Und der Sohn, der wohnt weit weg, ist damals der Arbeit nachgezogen, wenn der Urlaub hat, dann braucht der den auch für sich.“

Verständnis für die Familie, aber auch die Trauer darüber, dass Begleitung im Alter nicht anders möglich zu sein scheint. Und Angst. Angst davor, diese Situation anzusprechen und es dann so bestätigt zu bekommen.

„Altwerden ist was Schreckliches!“ So sagte es mir vor vielen Jahren meine Großmutter. Und ihr Satz klingt mir immer in den Ohren, wenn bei Besuchen mir gegenüber die Lebenssituation so geschildert wird. Und ich spüre meine Hilflosigkeit.

Umgangsmöglichkeiten ansprechen    ---  das sind dann immer meine Möglichkeiten. Ethische Bedenken aussprechen, ein christliches Menschenbild hochhalten? Nehme ich dann mein Gegenüber ernst? Wahrnehmen und Aushalten und meine Hilflosigkeit ebenso ausdrücken wie mir die Angst in der Krankheit und dem Altwerden nahegebracht  wird.

Wie beneide ich dann einen Paul Gerhardt oder Dietrich Bonhoeffer, die Ihren Ängsten mit Hoffnung begegnen konnten, eine andere Sicht aufzeigen und mir auch heute Mut machen, dem nachzuspüren, was meinem Leben immer wieder Ausrichtung gegeben hat.

Mach End, o Herr, mach Ende  mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod und allzeit deiner Pflege  und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.   (EG 361, 12 Befiehl du deine Wege)

Heute lese ich in den Traueranzeigen den Namen eines der Patienten und spüre eine Erleichterung. Er hat es geschafft.

Johann Stein, Pfarrer,   Klinikseelsorger der Elblandkliniken