Das Kreuz am Straßenrand

Von Christoph Gutsche
Wenn ich aus Coswig hinaus fahre, sehe ich es immer. An der Straße, am Fuß eines Baumes steht ein kleines Kreuz. Daneben zwei Vasen mit Blumen, meist verwelkt. Vor ein paar Tagen standen wieder einmal frische darin. Auf dem Kreuz etwas ungelenk ein Name. Jeder kann sich vorstellen, was hier passiert ist. Fürchterlich für die, die es miterleben mussten. Unsagbar, unfassbar für die Angehörigen. Keinem geht das aus dem Kopf. Und deswegen steht an der Straße da ein Kreuz. Ein Hinweis. Eine Erinnerung. Ein Wegweiser? Ganz unwillkürlich gehe ich mit dem Fuß vom Gas, jedes Mal. Wenn das der Sinn dieses Kreuzes ist, dann wäre an dieser Stelle schon viel gewonnen. Aber will das Kreuz warnen? Es will erinnern. An einen Menschen, sein kostbares Leben, sein tragisches Ende. Und es will noch etwas anderes sagen. Es will dem Unsagbaren einen Ausdruck geben, dort, wo es einem die Sprache verschlägt. Einen Hinweis auf etwas geben; auf etwas, das wir uns nicht selbst sagen können. Das Leben, das hier sein Ende fand, ist nicht einfach ausgelöscht, ins Nichts gefallen. Auf dem Kreuz steht ein Name, der bleibt. Nicht nur symbolisch. Das Kreuz erinnert an Jesus, einen Menschen, dessen Name, dessen Leben, dessen Zeit nicht ausgelöscht ist. Obwohl er einen schrecklichen, unschuldigen Tod starb. Seine Botschaft war voller Leben; alles, was er tat, war voller Hoffnung. Er zeigte den Menschen, was für eine unendlich große Kraft die Liebe ist. Er brachte Freiheit und lebte eine ganz neue Art von Gerechtigkeit. Die Menschen richteten ihn dafür hin. Am Kreuz. Ein fürchterlicher Tod, nur den Verbrechern und Rechtlosen vorbehalten. Aber sein Name, sein Leben waren damit nicht ausgelöscht. Das Kreuz, der Tod, behielt nicht das letzte Wort. Seither ist das Kreuz ein Zeichen des Lebens. Verrückt. Unfassbar. Großartig. Mir gehen die Kreuze an unseren Straßen sehr, sehr nahe. Ich ahne die Schicksale, für die sie stehen, ohne wirklich eine Vorstellung von dem Verlust und der Trauer zu haben. Ich finde es sehr mutig, solch ein Zeichen zu setzen. Ich weiß nicht, welche Gedanken, die Angehörigen haben, wenn sie ein Kreuz an den Wegrand stellen. Ich weiß nicht, ob sie das Kreuz so verstehen wie ich. Müssen sie auch nicht. Das Kreuz spricht für sie und für sich selbst. Eine Erinnerung nicht nur an das Schreckliche und Schlimme. Sondern auch daran, dass Gott bei allen ist, die trauern und leiden müssen. Wenn ich ein Kreuz am Straßenrand sehe, bin ich besonders wach. Auch, weil es mich an einen mir unbekannten Menschen erinnert, an sein Schicksal und die Trauer der Angehörigen. Diese Erinnerung wird zum Gebet, ein kurzes. Eine Bitte um Trost und Hoffnung, vielleicht. Das Leben, das hier so abrupt zu Ende ging, ist bei Gott aufgehoben. Neu, anders, wie auch immer. Ja, ich finde es gut, dass es die Kreuze als Zeichen am Straßenrand gibt. Als Mahnung, aber vielmehr noch als Erinnerung und Hoffnung, dass der Tod nicht das Letzte ist, was uns begegnet.

Pfarrer Christoph Gutsche, Coswig