Spiegelbild

Von Superintendent Andreas Beuchel

Spieglein, Spieglein an der Wand… – ein wenig ist es wie im Märchen von Schneewittchen beim täglichen Blick in das eigene Angesicht. Das Bild das ich sehe, kenne ich in- und auswendig. Manchmal zeigt es die Müdigkeit der Nacht oder den Stress des Alltags, manchmal auch ein zufriedenes Lächeln oder glückliches Lachen. Mit dem Blick in den Spiegel möchte ich wissen, wie ich wirklich aussehe und wie mich andere wahrnehmen, wie ich auf sie wirke. In der Antike benutzten die Menschen Metallspiegel, die aus geschliffenem Glas gab es noch nicht. Damals wurde also das Gesicht nur in Andeutungen reflektiert. Es blieb also etwas Geheimnisvolles – ein Rest, der nicht klar gezeigt wurde. Der Apostel Paulus hat das Spiegelbild deshalb mit etwas Rätselvollen verglichen: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. (1. Korinther 13,12) Hier ist die Frage nach der Erkenntnis unsers Ich und der Welt gestellt. Sicher wir haben vieles mit Hilfe der Naturwissenschaft entschlüsselt und damit auch unsere Lebensbedingungen in allen Bereichen verbessert. Trotzdem bleiben Fragen: Woher kommt die Liebe? Warum ist das Glück nicht dauerhaft. Wieso werden Menschen schuldig? Warum müssen wir leiden und sterben. An Wissen und Informationen sind wir reicher, doch jeder beginnt immer wieder neu zu buchstabieren, was Leben ist. Paulus merkt dazu treffend an: Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. (1. Korinther 13,11) So ist es im Leben! Und es braucht Geduld und wir sollten die Fragen nicht verdrängen, nach Antworten im Gespräch mit anderen suchen, um wie es Paulus rät, stückweise zu Einsichten zu kommen. Letztlich werden wir nicht auf alles eine Antwort kriegen. Nur diese Einsicht lässt uns hier und jetzt die Anforderungen und Aufgaben freudig angehen. Ich vertraue darauf, dass wir dabei unter Gottes Segen sind. Bei ihm wir dann einmal erkennen, wer wir im tiefsten Herzen sind. Bis dahin bleibt der Blick in den Spiegel auch immer etwas Geheimnisvolles.

Superintendent Andreas Beuchel, Kirchenbezirk Meißen–Großenhain